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Triage-Systeme im Vergleich: STaRT, mSTaRT und PRIOR

Hannes Kugas21. April 20266 min

Bei einem Massenanfall von Verletzten (MANV) entscheidet die Vorsichtung über Leben und Tod. Innerhalb weniger Minuten müssen Einsatzkräfte dutzende oder hunderte Patienten nach Behandlungspriorität kategorisieren. Doch welches Triage-System ist das richtige?

In diesem Artikel vergleichen wir die drei gängigsten Verfahren im deutschsprachigen Raum: STaRT, mSTaRT und PRIOR.

Was ist Triage?

Triage (französisch: „Sortierung") bezeichnet die Priorisierung von Patienten nach der Schwere ihrer Verletzungen. Bei einem MANV reichen die vorhandenen Ressourcen nicht für alle Betroffenen gleichzeitig — die Sichtung stellt sicher, dass die knappen Mittel dort eingesetzt werden, wo sie den größten Effekt haben.

Die Sichtungskategorien in Deutschland:

KategorieFarbeBedeutung
SK 1🔴 RotAkute, vitale Bedrohung — sofortige Behandlung
SK 2🟡 GelbSchwer verletzt, aber aufgeschobene Behandlung möglich
SK 3🟢 GrünLeicht verletzt — kann warten
SK 4⚫ Schwarz/BlauOhne Überlebenschance / verstorben

STaRT — Simple Triage and Rapid Treatment

Das in den USA entwickelte STaRT-Verfahren ist das weltweit bekannteste Triage-System. Es basiert auf vier einfachen Parametern:

  1. Gehfähigkeit — Kann der Patient laufen?
  2. Atmung — Atmet der Patient? Atemfrequenz?
  3. Perfusion — Kapilläre Rückfüllzeit / Radialispuls tastbar?
  4. Neurologie — Befolgt der Patient einfache Befehle?

Ablauf

  • Gehfähig? → Ja → SK 3 (Grün)
  • Atmung vorhanden? → Nein → Freimachen der Atemwege → Keine Atmung → SK 4 (Schwarz)
  • Atemfrequenz > 30/min? → Ja → SK 1 (Rot)
  • Kapilläre Rückfüllzeit > 2 Sek oder kein Radialispuls? → Ja → SK 1 (Rot)
  • Befolgt keine Befehle? → Ja → SK 1 (Rot)
  • Alles unauffällig? → SK 2 (Gelb)

Vorteile

  • Extrem einfach und schnell (30–60 Sekunden pro Patient)
  • Keine medizinische Vorbildung nötig
  • International bekannt und validiert

Nachteile

  • Keine Kategorie SK 4 „ohne Überlebenschance" bei noch vorhandener Atmung
  • Neigt zur Über-Triage (viele SK 1)
  • Kapilläre Rückfüllzeit umweltabhängig (Kälte verfälscht)

mSTaRT — modifiziertes STaRT

Das mSTaRT-Verfahren ist die in Deutschland am weitesten verbreitete Anpassung des amerikanischen Originals. Es wurde vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) empfohlen und an die deutschen Sichtungskategorien angepasst.

Wesentliche Unterschiede zu STaRT

  • Gehfähigkeitstest am Anfang wird beibehalten, aber um den Sammelruf ergänzt: „Wer mich hören kann und laufen kann, gehen Sie bitte dorthin!"
  • Atemwege freimachen: Wird bei Nicht-Atmung aktiv durchgeführt — setzt danach spontane Atmung ein, erfolgt Einstufung als SK 1
  • Perfusionscheck: Radialispuls statt kapillärer Rückfüllzeit (praxistauglicher)
  • SK 4 möglich: Patienten, die nach Freimachen der Atemwege nicht spontan atmen

Ablauf

  1. Sammelruf → Gehfähige → SK 3
  2. Atmung? → Nein → Atemwege freimachen → Keine Atmung → SK 4
  3. Atemfrequenz < 10 oder > 30? → Ja → SK 1
  4. Radialispuls tastbar? → Nein → SK 1
  5. Befolgt einfache Befehle? → Nein → SK 1
  6. Sonst → SK 2

Vorteile

  • An deutsche Verhältnisse angepasst
  • Radialispuls statt Rekapillarisierung = robuster bei Kälte
  • SK 4 Kategorie integriert
  • Weit verbreitet → Einheitlichkeit bei überörtlicher Hilfe

Nachteile

  • Weiterhin Tendenz zur Über-Triage
  • Keine differenzierte Beurteilung (z.B. Bewusstseinslage)
  • „Gehfähig = Grün" kann Patienten mit Thoraxtrauma unterschätzen

PRIOR — Primary Ranking for Initial Orientation in Rescue

Das PRIOR-Verfahren wurde in Deutschland als Alternative zu mSTaRT entwickelt und gilt als die derzeit modernste Vorsichtungs-Methode. Es wurde unter anderem an der Universität Mainz evaluiert.

Besonderheiten

PRIOR unterscheidet sich fundamental: Statt eines starren Algorithmus nutzt es einen Entscheidungsbaum mit Vitalwerten, der auch den Bewusstseinszustand differenzierter erfasst.

Ablauf

  1. Gehfähig? → Ja → SK 3
  2. Spontanatmung? → Nein → Atemwege freimachen → Keine Atmung → SK 4
  3. Atmung auffällig? (< 10 oder > 30, oder pathologisches Muster) → Ja → SK 1
  4. Puls an A. radialis tastbar? → Nein → SK 1
  5. Auf Ansprache orientiert? → Nein → SK 1
  6. Relevante Verletzung? (z.B. Thorax, Abdomen, Becken, große Blutung) → Ja → SK 1
  7. Sonst → SK 2

Vorteile

  • Berücksichtigt sichtbare Verletzungsmuster → weniger Unter-Triage
  • Bessere Differenzierung bei Bewusstseinsstörungen
  • Wissenschaftlich evaluiert
  • Niedrigere Über-Triage-Rate als mSTaRT

Nachteile

  • Komplexer → mehr Schulungsaufwand
  • Noch nicht überall eingeführt
  • „Relevante Verletzung" erfordert klinische Einschätzung

Vergleichstabelle

KriteriumSTaRTmSTaRTPRIOR
HerkunftUSADeutschland (BBK)Deutschland (Uni Mainz)
Dauer pro Patient30–60 Sek30–60 Sek45–90 Sek
SK 4 möglichEingeschränktJaJa
Über-Triage-RateHochMittel–HochNiedriger
Unter-Triage-RateMittelMittelNiedrig
VerletzungsmusterNeinNeinJa
SchulungsaufwandGeringGeringMittel
Verbreitung (DE)SeltenSehr weitZunehmend

Welches System wählen?

Die Wahl des Triage-Systems ist in der Regel keine individuelle Entscheidung — sie wird regional durch den Ärztlichen Leiter Rettungsdienst (ÄLRD) oder die zuständige Behörde vorgegeben.

Als Einsatzleiter sollten Sie:

  • Ihr regionales System beherrschen (in den meisten Bereichen mSTaRT)
  • Mindestens ein weiteres System kennen (für überörtliche Lagen)
  • Regelmäßig üben — Triage unter Stress erfordert Routine
  • Dokumentieren — Digitale Tools wie TactixEMS helfen, die Sichtungsergebnisse strukturiert zu erfassen und an die Patientenablage weiterzugeben

Fazit

Kein Triage-System ist perfekt. mSTaRT bietet den besten Kompromiss aus Einfachheit und Genauigkeit und ist in Deutschland der Standard. PRIOR ist die Zukunft — wissenschaftlich fundierter und genauer, aber mit höherem Schulungsaufwand.

Entscheidend ist nicht das „beste" System, sondern dass es von allen Beteiligten sicher beherrscht wird. Eine gut trainierte mSTaRT-Sichtung schlägt eine unsicher durchgeführte PRIOR-Triage jedes Mal.

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