Sichtungskategorien im Rettungsdienst: SK1 bis SK4 erklärt
Bei einem Massenanfall von Verletzten (MANV) zählt jede Sekunde. Die Ressourcen sind begrenzt, die Anzahl der Patienten ist groß. In dieser Situation helfen Sichtungskategorien dabei, Patienten nachvollziehbar zu priorisieren.
In diesem Artikel erklären wir:
- Was die einzelnen Sichtungskategorien bedeuten
- Wie die Triage in der Praxis abläuft
- Welche Herausforderungen Einsatzleiter dabei haben
- Wie digitale Tools die Übersicht verbessern
Was sind Sichtungskategorien?
Sichtungskategorien – auch Triage-Kategorien genannt – sind ein standardisiertes System zur Priorisierung von Patienten nach der Schwere ihrer Verletzungen. Sie wurden entwickelt, um bei Großschadenslagen mit begrenzten Ressourcen die bestmögliche Versorgung für die größtmögliche Anzahl an Menschen zu gewährleisten.
Das Prinzip: Nicht der, der am lautesten schreit, wird zuerst behandelt – sondern der, der es am dringendsten braucht.
Die Sichtungskategorien im Überblick
| Kategorie | Farbe | Bedeutung | Einordnung |
|---|---|---|---|
| SK I | Rot | Akut vital bedroht | Höchste Priorität |
| SK II | Gelb | Schwer verletzt oder erkrankt | Dringend |
| SK III | Grün | Leicht verletzt oder erkrankt | Aufschiebbar |
| SK IV | Blau | Unter den aktuellen Bedingungen ohne realistische Überlebenschance | Gesondertes Vorgehen nach Konzept |
| EX | Schwarz | Verstorben | Gesonderte Kennzeichnung |
SK I – Rot: Akut lebensbedrohlich
Merkmale:
- Lebensbedrohliche Verletzungen oder Erkrankungen
- Sofortige ärztliche Behandlung erforderlich
- Überlebenschance bei schneller Versorgung
Typische Beispiele:
- Schwere Blutungen
- Bewusstlosigkeit mit instabilen Vitalzeichen
- Spannungspneumothorax
- Schwere Verbrennungen der Atemwege
Behandlungspriorität: Höchste Priorität
SK II – Gelb: Schwer verletzt/erkrankt
Merkmale:
- Schwere, aber nicht unmittelbar lebensbedrohliche Verletzungen
- Kann kurzzeitig auf Behandlung warten
- Verschlechterung möglich, daher engmaschige Überwachung
Typische Beispiele:
- Frakturen großer Röhrenknochen
- Mittelschwere Verbrennungen
- Bauchtrauma ohne Schockzeichen
- Offene Wunden mit kontrollierter Blutung
Behandlungspriorität: Dringend
SK III – Grün: Leicht verletzt/erkrankt
Merkmale:
- Leichte Verletzungen ohne Lebensgefahr
- Kann längere Zeit auf Behandlung warten
- Oft gehfähig und ansprechbar
Typische Beispiele:
- Prellungen und Schürfwunden
- Leichte Verbrennungen
- Einfache Frakturen (z.B. Finger)
- Psychische Belastung ohne körperliche Verletzung
Behandlungspriorität: Aufschiebbar
SK IV – Blau: Ohne realistische Überlebenschance
Merkmale:
- Verletzungen, die mit den verfügbaren Mitteln nicht überlebbar sind
- Ethisch schwierigste Kategorie
Wichtig: Die blaue Kategorie ist an Sichtungslagen mit knappen Ressourcen gebunden. Verstorbene werden in vielen Konzepten gesondert als EX / Schwarz gekennzeichnet.
EX / Schwarz: Verstorben
Diese Kennzeichnung wird in vielen Übersichten getrennt von SK I bis SK IV geführt. Sie dient der eindeutigen Unterscheidung zu blau gekennzeichneten Patienten.
Der Triage-Algorithmus in der Praxis
In der präklinischen Vorsichtung kommen häufig einfache Algorithmen wie mSTaRT zum Einsatz. Diese dienen der schnellen Ersteinschätzung; weiterführende Kategorien und ärztliche Bewertungen folgen nach lokalem Konzept.
| Schritt | Prüfung | Ergebnis | Kategorie |
|---|---|---|---|
| 1 | Gehfähigkeit | Patient kann gehen | SK3 (Grün) |
| 2a | Atmung | Keine Atmung nach Freimachen | Weiteres Vorgehen nach lokalem Sichtungsschema |
| 2b | Atemfrequenz | > 30/min | SK1 (Rot) |
| 3 | Rekapillarisierung | > 2 Sekunden | SK1 (Rot) |
| 4 | Bewusstsein | Befolgt keine Befehle | SK1 (Rot) |
| 5 | Alle Checks negativ | - | SK2 (Gelb) |
Praxiswert: Der Algorithmus ist bewusst knapp gehalten, damit die Erstsichtung auch unter Zeitdruck durchgeführt werden kann.
Herausforderungen bei der Patientensichtung
Bei einem MANV stehen Einsatzleiter vor mehreren kritischen Herausforderungen:
| Herausforderung | Problem | Folgen |
|---|---|---|
| Dokumentation unter Druck | Papier-Anhängekarten werden nass, unleserlich | Übertragungsfehler, Informationsverlust |
| Übersicht behalten | Wo ist Patient 17? Wie viele SK1 haben wir? | Fehlende Ressourcen-Planung |
| Dynamische Situation | Patienten verschlechtern sich (SK3 → SK1) | Änderungen müssen erfasst werden |
| Kommunikation | Einsatzleitung, Ablage, Behandlung, Transport | Synchronisation erforderlich |
Digitale Patientensichtung: Wobei sie hilft
Digitale Einsatzführungssoftware kann viele dieser Herausforderungen abfedern:
| Vorteil | Nutzen |
|---|---|
| Sofortige Übersicht | Alle Patienten und Kategorien auf einen Blick |
| Automatische Zählung | Anzahl pro Sichtungskategorie in Echtzeit |
| Echtzeit-Updates | Alle Beteiligten sehen denselben Stand |
| Keine Lesbarkeit-Probleme | Digitale statt handschriftliche Erfassung |
| Mobile Dokumentation | Per Tablet oder Smartphone am Patienten |
Eine passende Einsatzführungssoftware bietet dabei vor allem diese Funktionen:
- Patienten mit einem Tap anlegen und kategorisieren
- Die Übersicht in Echtzeit sehen
- Patienten Fahrzeugen und Zielkliniken zuweisen
- Nach Einsatzende einen vollständigen Report generieren
Fazit
Die Sichtungskategorien sind ein zentrales Werkzeug für die Priorisierung bei Großschadenslagen. Entscheidend ist weniger die perfekte Begrifflichkeit als ein einheitlich trainiertes, regional abgestimmtes Vorgehen.
Digitale Einsatzführungssysteme unterstützen Einsatzleiter dabei, den Überblick zu behalten und die Dokumentation zu vereinfachen – damit im Ernstfall die Patienten im Fokus stehen, nicht die Bürokratie.
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