Sanitätswachdienste planen und dokumentieren: Der komplette Leitfaden
Ob Stadtfest, Sportveranstaltung oder Konzert — Sanitätswachdienste sind ein Kerngeschäft vieler Rettungsdienstorganisationen. Doch zwischen einer improvisierten Erstversorgung und einem professionell geplanten Wachdienst liegen Welten. Dieser Leitfaden zeigt, wie Sie Sanitätswachdienste systematisch planen und dokumentieren.
Phase 1: Vor der Veranstaltung
Gefährdungsbeurteilung erstellen
Jede professionelle Planung beginnt mit einer Risikoanalyse. Folgende Faktoren sind entscheidend:
Veranstaltungsparameter:
- Erwartete Besucherzahl
- Dauer der Veranstaltung
- Art der Veranstaltung (ruhig vs. dynamisch)
- Altersstruktur der Besucher
- Alkohol- und Drogenwahrscheinlichkeit
Örtliche Gegebenheiten:
- Gelände (eben, uneben, Treppen)
- Witterungsschutz vorhanden?
- Entfernung zum nächsten Krankenhaus
- Zufahrtswege für Rettungsfahrzeuge
Erfahrungswerte:
- Gab es die Veranstaltung schon? Wie viele Patienten?
- Vergleichbare Veranstaltungen als Referenz
Personalberechnung
Berechnungshilfen und organisationsinterne Schemata können eine erste Orientierung geben. Für belastbare Entscheidungen sollten sie aber immer mit Gefährdungsbeurteilung, Veranstaltungsauflagen, Erfahrungswerten und der Einbindung des örtlichen Rettungsdienstes abgeglichen werden.
Besonders personalrelevant sind zum Beispiel:
- stark schwankende Besucherströme
- Hitze, Kälte oder Unwetter
- hoher Alkohol- oder Drogenkonsum
- schwierige Zufahrten oder lange Transportzeiten
- risikoreiche Sport- oder Bühnenformate
Materialplanung
Basis-Ausstattung pro Sanitätsstation:
- Verbandmaterial (Wundversorgung, Verbände)
- Kühlpacks und Wärmedecken
- Blutdruckmessgerät, Pulsoximeter
- AED (automatisierter externer Defibrillator)
- Notfallrucksack mit erweitertem Material
- Dokumentationsmaterial
Bei größeren Veranstaltungen zusätzlich:
- Tragen und Rollstühle
- Sauerstoff
- Infusionsmaterial
- Medikamente (je nach Qualifikation)
Kommunikationsplan
- Funkkanäle festlegen und testen
- Erreichbarkeit der Einsatzleitung sicherstellen
- Kontaktdaten Veranstalter, Security, Polizei
- Meldeweg bei Eskalation (MANV-Alarm)
Phase 2: Während der Veranstaltung
Einsatzleitung einrichten
Der Einsatzleiter sollte:
- Einen festen, zentralen Standort haben
- Überblick über alle Stationen behalten
- Funkverkehr koordinieren
- Personalreserven im Blick haben
Patientenversorgung dokumentieren
Jeder Patientenkontakt sollte dokumentiert werden:
Mindestangaben für jeden Patientenkontakt:
- Uhrzeit des Kontakts
- Personalien (wenn möglich)
- Beschwerden/Verletzung
- Durchgeführte Maßnahmen
- Weiteres Vorgehen (Entlassung, RTW, Selbstvorstellung)
Wichtig: Auch "Bagatellen" dokumentieren! Sie können später relevant werden (Versicherung, Haftung).
Lagebild aktuell halten
- Wie viele Patienten wurden bisher versorgt?
- Gibt es Trends (z.B. vermehrt Kreislaufprobleme bei Hitze)?
- Sind alle Stationen besetzt?
- Materialverbrauch im Rahmen?
Digitale Tools können hier erheblich helfen, indem sie automatisch Statistiken erstellen und das Lagebild visualisieren.
Phase 3: Nach der Veranstaltung
Einsatzstatistik erstellen
Für den Veranstalter und die eigene Qualitätssicherung sind folgende Kennzahlen wichtig:
| Kennzahl | Beschreibung |
|---|---|
| Gesamtzahl Patientenkontakte | Alle dokumentierten Kontakte |
| Aufschlüsselung nach Schwere | Bagatelle, mittel, schwer |
| RTW-Transporte | Anzahl Krankenhauseinweisungen |
| Besondere Vorkommnisse | Reanimationen, schwere Verletzungen |
| Personalstunden | Gesamt eingesetzte Stunden |
Lessons Learned
Nach jedem größeren Wachdienst:
- Was lief gut?
- Was können wir verbessern?
- War die Personalstärke angemessen?
- Hat das Material gereicht?
- Gab es Kommunikationsprobleme?
Diese Erkenntnisse fließen in die Planung zukünftiger Dienste ein.
Abrechnung vorbereiten
Die Dokumentation ist auch Grundlage für die Abrechnung:
- Personalstunden nachweisbar
- Materialverbrauch dokumentiert
- Besondere Leistungen (z.B. RTW-Einsätze) separat erfasst
Digitale Unterstützung
Moderne Einsatzführungssoftware bietet für Sanitätswachdienste erhebliche Vorteile:
| Vorteil | Nutzen |
|---|---|
| Schnelle Patientenerfassung | Digitale Formulare statt Papierchaos |
| Echtzeit-Übersicht | Der Einsatzleiter sieht sofort alle Patientenkontakte |
| Automatische Statistiken | Keine manuelle Auswertung mehr nötig |
| Offline-Fähigkeit | Funktioniert auch ohne stabiles WLAN auf dem Veranstaltungsgelände |
| Professionelle Berichte | Für Veranstalter und interne Dokumentation |
Rechtliche Aspekte
Aufbewahrungspflichten
Aufbewahrungsfristen hängen von Art und Zweck der Unterlagen ab. Für Behandlungsakten nennt § 630f Abs. 3 BGB grundsätzlich zehn Jahre nach Abschluss der Behandlung, soweit keine anderen Vorschriften greifen. Für veranstaltungsbezogene Unterlagen, Einsatzstatistiken oder Abrechnungsdokumente können daneben andere Fristen und Zuständigkeiten relevant sein.
Schweigepflicht
Alle Mitarbeiter sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Patientendaten dürfen nur an Berechtigte weitergegeben werden.
Haftung
Eine sorgfältige Dokumentation schützt im Streitfall. Dokumentieren Sie, was Sie getan haben — und auch, was Sie bewusst nicht getan haben (und warum).
Fazit
Professionelle Sanitätswachdienste erfordern mehr als motivierte Helfer. Eine systematische Planung, klare Strukturen während der Veranstaltung und eine saubere Nachbereitung machen den Unterschied. Digitale Werkzeuge können diese Abläufe unterstützen, ersetzen aber keine belastbare Gefährdungsbeurteilung und keine klaren Zuständigkeiten.
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