Raumordnung an der Einsatzstelle: Struktur schafft Sicherheit
Eine der ersten und wichtigsten Aufgaben des Einsatzleiters am Schadensort ist die Raumordnung. Wer die Einsatzstelle nicht räumlich strukturiert, riskiert Chaos — Fahrzeuge blockieren sich gegenseitig, Rettungswege sind versperrt, und die Patientenversorgung leidet unter fehlender Übersicht.
In diesem Artikel zeigen wir, wie eine durchdachte Raumordnung funktioniert und warum sie der Schlüssel zu einem effizienten Einsatzablauf ist.
Warum Raumordnung so wichtig ist
Bei größeren Einsätzen — ob Verkehrsunfall mit mehreren Beteiligten, Brand mit Verletzten oder ein MANV-Szenario — treffen innerhalb weniger Minuten zahlreiche Einsatzkräfte und Fahrzeuge ein. Ohne klare räumliche Zuordnung entsteht schnell ein Nadelöhr:
- Rettungswege werden blockiert — nachrückende RTW kommen nicht durch
- Patienten werden doppelt oder gar nicht versorgt — weil unklar ist, wo sie liegen
- Die Führung verliert den Überblick — weil alles an einem Punkt zusammenläuft
Die Raumordnung verhindert genau das. Sie teilt die Einsatzstelle in funktionale Bereiche auf und sorgt dafür, dass jeder weiß, wo er hingehört.
Die klassischen Zonen einer Einsatzstelle
1. Schadensraum (Gefahrenbereich)
Der unmittelbare Bereich des Schadensereignisses. Hier gilt:
- Zugang nur für eingewiesene Kräfte
- Absperrung nach außen
- Eigenschutz hat oberste Priorität
2. Patientenablage
Der zentrale Sammelpunkt für alle Patienten nach der Rettung aus dem Gefahrenbereich:
- Lage: Windabgewandt, gut erreichbar, ausreichend Platz
- Struktur: Getrennt nach Sichtungskategorien (SK1 rot, SK2 gelb, SK3 grün)
- Verantwortung: Abschnittsleiter Patientenablage
- Wichtig: Nicht direkt an der Zufahrt — RTW müssen rangieren können
3. Behandlungsplatz (BHP)
Bei größeren Lagen wird zusätzlich zur Patientenablage ein Behandlungsplatz eingerichtet:
- Definitive Versorgung vor dem Transport
- Ärztliche Versorgung und Narkosen
- Materialpool und Nachschub
4. Bereitstellungsraum
Hier sammeln sich nachrückende Kräfte und Fahrzeuge:
- Nicht direkt an der Einsatzstelle — mindestens 200-500m Abstand
- Geordnete Zuweisung durch den Einsatzleiter oder Abschnittsleiter Bereitstellung
- Verhindert, dass nicht angeforderte Kräfte die Einsatzstelle verstopfen
5. Transportzone / Rettungsmittel-Halteplatz
Die Zone, in der Rettungsmittel zum Abtransport von Patienten bereitstehen:
- Einbahnstraßen-Prinzip (Zufahrt ≠ Abfahrt)
- Klare Zuordnung: Welcher RTW transportiert welchen Patienten?
- Kommunikation mit der Leitstelle über freie Krankenhäuser
Praktische Tipps für die Raumordnung
An- und Abfahrtswege trennen
Der häufigste Fehler: Alle Fahrzeuge kommen über denselben Weg rein — und keiner kommt mehr raus. Die Lösung ist das Einbahnstraßen-Prinzip. Legen Sie frühzeitig fest:
- Zufahrt von einer Seite
- Abfahrt auf der anderen Seite
- Bei Sackgassen: Wendeplatz freihalten
Markierungen nutzen
Gerade bei unübersichtlichem Gelände helfen sichtbare Markierungen:
- Pylonen oder Absperrband für Zonen
- Schilder für Patientenablage und BHP
- Einweiser an kritischen Punkten
Lagekarte führen
Eine Lagekarte — ob auf Papier oder digital — ist das Führungsinstrument für die Raumordnung. Sie zeigt auf einen Blick:
- Wo liegt was?
- Welche Wege sind frei?
- Wo stehen welche Kräfte?
Tipp: Mit einem digitalen Einsatzführungstool wie TactixEMS lässt sich die Lagekarte in Echtzeit führen und mit allen Abschnittsleitern teilen — auch wenn sie hunderte Meter voneinander entfernt stehen.
Raumordnung bei verschiedenen Einsatzszenarien
Verkehrsunfall auf der Autobahn
- Absicherung mit Vorwarner (mindestens 200m)
- Gefahrenbereich: Unfallstelle + Trümmerfeld
- Patientenablage: Auf dem Seitenstreifen hinter der Unfallstelle
- Bereitstellungsraum: Nächste Abfahrt oder Parkplatz
Brand in einem Gebäude
- Gefahrenbereich: Trümmerschatten + Rauchausbreitung
- Patientenablage: Windabgewandt, mindestens 50m Abstand
- Bereitstellungsraum: Nachbarstraße oder Parkplatz
- Besonderheit: Wasserversorgung und Drehleiterzufahrt freihalten
MANV im Freien (z.B. Veranstaltung)
- Großflächige Absperrung nötig
- Mehrere Patientenablagen möglich (je nach Einsatzabschnitten)
- Hubschrauber-Landeplatz einplanen
- Bereitstellungsraum großzügig dimensionieren
Häufige Fehler und wie man sie vermeidet
| Fehler | Lösung |
|---|---|
| Fahrzeuge parken chaotisch | Einweiser ab dem ersten Fahrzeug |
| Patientenablage zu nah am Gefahrenbereich | Mindestabstand einhalten, Wind beachten |
| Kein Bereitstellungsraum | Frühzeitig festlegen, auch wenn noch Kapazität da ist |
| Wege nicht markiert | Pylonen/Band immer im ELW mitführen |
| Raumordnung erst bei Eskalation | Ab 3+ RTW sofort Raumordnung festlegen |
Fazit
Raumordnung ist keine Wissenschaft — aber sie erfordert frühzeitiges Handeln und konsequente Umsetzung. Der Einsatzleiter, der als Erstes die Einsatzstelle strukturiert, hat den Einsatz bereits zur Hälfte gewonnen.
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Dieser Artikel richtet sich an Einsatzleiter, Organisatorische Leiter Rettungsdienst (OrgL) und alle, die im Einsatz Verantwortung tragen.
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