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Patientenübergabe im Rettungsdienst: Strukturiert, sicher und lückenlos

TactixEMS Team5. März 20265 min Lesezeit

Die Patientenübergabe ist einer der kritischsten Momente in der Rettungskette. Hier werden Verantwortlichkeiten übertragen, klinische Informationen weitergegeben und Behandlungsentscheidungen vorbereitet. Kommunikationsfehler an Schnittstellen gehören seit Jahren zu den typischen Risikofaktoren im Gesundheitswesen. Wie gelingt eine strukturierte Übergabe, und welche Rolle spielen digitale Tools dabei?

Warum strukturierte Übergaben entscheidend sind

Im Einsatzgeschehen herrscht Zeitdruck. Rettungsteams arbeiten unter Stress, die Umgebung ist laut, und multiple Patienten fordern gleichzeitig Aufmerksamkeit. Genau in diesem Umfeld müssen präzise Informationen übermittelt werden — vom Ersthelfer zum Rettungsdienst, vom RTW-Team zum Notarzt, vom Rettungsdienst an die Notaufnahme.

Typische Probleme bei unstrukturierten Übergaben:

  • Informationsverlust: Relevante Befunde gehen zwischen den Schnittstellen verloren
  • Doppeluntersuchungen: Ohne klare Dokumentation werden Maßnahmen wiederholt
  • Verzögerte Behandlung: Fehlende Informationen führen zu erneuter Diagnostik
  • Rechtliche Risiken: Lückenhafte Dokumentation bei späteren Rückfragen
  • Frustration: Nachfragen am Telefon, weil die Übergabe unvollständig war

Bewährte Übergabeformate

SBAR — Der Klinikstandard

Das SBAR-Schema stammt ursprünglich aus der Luftfahrt und hat sich in der klinischen Kommunikation bewährt:

  • Situation: Wer bin ich? Wer ist der Patient? Was ist das aktuelle Problem?
  • Background: Relevante Vorgeschichte, Vorerkrankungen, aktuelle Medikation
  • Assessment: Meine Einschätzung der Lage, Vitalparameter, Befunde
  • Recommendation: Was empfehle ich? Was muss als nächstes passieren?

Beispiel: "Hier RTW 72/1, wir übergeben Ihnen Herrn Müller, 67 Jahre, Brustschmerzen seit 45 Minuten. Bekannte KHK, nimmt ASS und Metoprolol. EKG zeigt ST-Hebungen in II, III, aVF — wir gehen von einem inferioren STEMI aus. Heparin und ASS gegeben, bitte Herzkatheter-Bereitschaft."

ATMIST — Für den Rettungsdienst optimiert

ATMIST wurde speziell für die präklinische Übergabe entwickelt und ist im britischen Rettungsdienst Standard:

  • Age: Alter und Geschlecht des Patienten
  • Time: Zeitpunkt des Ereignisses / Notrufs
  • Mechanism: Unfallmechanismus oder Erkrankungsursache
  • Injuries/Illness: Verletzungen oder Symptome
  • Signs: Vitalzeichen (Puls, RR, SpO2, GCS)
  • Treatment: Bereits durchgeführte Maßnahmen

ATMIST eignet sich besonders für die Voranmeldung in der Notaufnahme und für Übergaben bei Großschadenslagen, wo Kürze und Struktur entscheidend sind.

SAMPLER — Die Anamnese-Ergänzung

Ergänzend zur Übergabe dient SAMPLER der systematischen Anamnese:

  • Symptome
  • Allergien
  • Medikamente
  • Past medical history (Vorerkrankungen)
  • Letztes Essen/Trinken
  • Ereignisse vor dem Notfall
  • Risikofaktoren

Übergabesituationen im Rettungsdienst

1. Ersthelfer → Rettungsdienst

Die erste Übergabe findet oft unter chaotischen Bedingungen statt. Ersthelfer sind aufgeregt, Informationen unstrukturiert. Hier hilft gezieltes Nachfragen:

  • Was genau ist passiert?
  • Wann ist es passiert?
  • War der Patient bei Bewusstsein?
  • Wurde etwas verändert (Lagerung, Verbände)?

2. RTW-Team → Notarzt

Die Übergabe an den Notarzt erfolgt häufig am Einsatzort. Bewährt hat sich:

  • Kurze SBAR-Übergabe bei Eintreffen des NEF
  • Vitalparameter auf einen Blick (Monitor zeigen)
  • Bereits getroffene Maßnahmen benennen
  • Offene Fragen klar formulieren

3. Rettungsdienst → Notaufnahme

Die Schnittstelle zur Klinik ist die häufigste Fehlerquelle. Best Practices:

  • Voranmeldung per Funk mit ATMIST-Schema
  • Persönliche Übergabe an den zuständigen Arzt (nicht an der Anmeldung!)
  • Schriftliche Dokumentation mitgeben (Einsatzprotokoll)
  • Rückfragen ermöglichen (Kontaktdaten hinterlassen)

4. Übergabe bei MANV-Lagen

Bei einem Massenanfall von Verletzten potenzieren sich die Herausforderungen. Hier gilt:

  • Standardisierte Patientenanhängekarten verwenden
  • Sichtungskategorie klar kommunizieren (SK I–IV)
  • Übergabe an der Patientenablage strukturiert durchführen
  • Digitale Tools nutzen, um den Überblick zu behalten

Häufige Fehler bei der Patientenübergabe

Der "Flurfunk-Effekt"

Informationen werden im Vorbeigehen weitergegeben, niemand fühlt sich verantwortlich, wichtige Details gehen unter. Lösung: Dedizierte Übergabezeit mit voller Aufmerksamkeit beider Seiten.

Der "Experten-Bias"

Erfahrene Kräfte kürzen die Übergabe ab, weil sie denken, der Empfänger wisse schon Bescheid. Lösung: Immer das vollständige Schema durchgehen, auch wenn es redundant erscheint.

Der "Dokumentations-Gap"

Mündliche Übergabe erfolgt, aber die schriftliche Dokumentation ist lückenhaft oder unleserlich. Lösung: Digitale Dokumentation, die automatisch strukturierte Übergabeprotokolle generiert.

Das "Timing-Problem"

Die Übergabe erfolgt, wenn der Empfänger gerade mit etwas anderem beschäftigt ist. Lösung: Übergabe erst starten, wenn beide Seiten bereit sind — auch wenn das 30 Sekunden Wartezeit bedeutet.

Digitale Unterstützung für strukturierte Übergaben

Papierbasierte Übergaben haben Grenzen: unleserliche Handschriften, verlorene Zettel, keine Nachvollziehbarkeit. Digitale Einsatzführungstools können diese Probleme abfedern:

  • Strukturierte Erfassung: Patientendaten werden in vorgegebenen Feldern erfasst — kein Freitext-Chaos
  • Echtzeitüberblick: Alle Beteiligten sehen den aktuellen Status jedes Patienten
  • Automatische Dokumentation: Zeitstempel, Maßnahmen und Statusänderungen werden lückenlos protokolliert
  • Sichtungskategorien auf einen Blick: Die Patientenansicht zeigt farbcodiert den Versorgungsstatus
  • Offline-Fähigkeit: Funktioniert auch ohne Netzabdeckung — entscheidend bei Großschadenslagen
  • Übergabeprotokolle: Standardisierte Berichte auf Knopfdruck generieren

Praxisbeispiel: MANV-Lage mit digitaler Übergabeunterstützung

Ein Zugunglück mit 23 Verletzten. Der Einsatzleiter arbeitet mit einer digitalen Patienten- und Lageübersicht:

  1. Vorsichtung: Jeder Patient wird mit Sichtungskategorie erfasst
  2. Patientenablage: Übersicht über alle Patienten, sortiert nach Dringlichkeit
  3. Transportzuweisung: Welcher Patient geht in welche Klinik?
  4. Übergabe an Klinik: Strukturiertes Übergabeprotokoll wird automatisch erstellt
  5. Nachbereitung: Vollständige Einsatzdokumentation für Debriefing und QM

Das Ergebnis: Keine verlorenen Informationen, klare Verantwortlichkeiten und eine lückenlose Dokumentation für die Nachbereitung.

Trainingstipps für bessere Übergaben

  1. Übergabe üben: In jeder Fortbildung 5 Minuten Übergabetraining einbauen
  2. Feedback-Kultur: Nach jeder Übergabe kurz reflektieren — was war gut, was fehlte?
  3. Schema wählen und beibehalten: SBAR oder ATMIST — Hauptsache konsistent
  4. Read-Back nutzen: Der Empfänger wiederholt die kritischsten Punkte
  5. Closed-Loop: Bestätigen, dass die Übergabe vollständig war

Fazit

Die Patientenübergabe entscheidet über Behandlungsqualität und Patientensicherheit. Wer strukturierte Formate wie SBAR oder ATMIST konsequent einsetzt und die Dokumentation digitalisiert, minimiert Fehlerquellen und spart wertvolle Zeit. Moderne Einsatzführungstools unterstützen diesen Prozess — von der Ersterfassung bis zum Übergabeprotokoll.

Die beste Übergabe ist die, bei der keine Information verloren geht.


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