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METHANE-Schema: Strukturierte Erstmeldung bei Großschadenslagen

Hannes Kugas21. April 20267 min

Die ersten Minuten eines Großschadensereignisses entscheiden über den weiteren Einsatzverlauf. Was der ersteintreffende Einsatzleiter in diesen Minuten an die Leitstelle meldet, bestimmt, welche Kräfte alarmiert werden, welche Zufahrten gesperrt werden und wie schnell der Behandlungsplatz aufgebaut werden kann. Ein unvollständiger oder unstrukturierter Erstbericht kostet wertvolle Zeit — und damit Leben.

Das METHANE-Schema ist ein international etabliertes Meldeverfahren, das genau diese erste, kritische Lagemeldung in eine klare Struktur bringt. Ursprünglich in Großbritannien als Teil des JESIP-Standards (Joint Emergency Services Interoperability Principles) entwickelt, wird es zunehmend auch in deutschen Führungsausbildungen des Rettungsdienstes und der Feuerwehr gelehrt. In diesem Artikel erfahren Sie, wie das Schema aufgebaut ist, wie Sie es in der Praxis anwenden und wie es sich zum in Deutschland klassischen 5-W-Schema verhält.

Was ist das METHANE-Schema?

METHANE ist ein Akronym für sieben Elemente, die in der ersten strukturierten Lagemeldung bei einer Großschadenslage übermittelt werden sollten. Jeder Buchstabe steht für eine zentrale Frage, die der Einsatzleiter beantwortet, sobald er ein erstes Lagebild hat:

  • M — Major incident: Handelt es sich um eine Großschadenslage? Im Verdachtsfall erfolgt die Einstufung als „Standby", bei Bestätigung als „Declared".
  • E — Exact location: Wo genau ist der Schadensort? Adresse, Koordinaten, markante Geländepunkte, Anfahrtsweg.
  • T — Type of incident: Um welche Art von Ereignis handelt es sich? Verkehrsunfall, Brand, Explosion, CBRN-Lage, Amoklage, Einsturz.
  • H — Hazards: Welche Gefahren bestehen aktuell, welche sind zu erwarten? Brandausbreitung, einsturzgefährdete Gebäude, Gefahrstoffe, Stromleitungen.
  • A — Access: Welche Zufahrten sind sicher nutzbar? Wo liegen Bereitstellungsraum und Rückzugswege?
  • N — Number of casualties: Wie viele Betroffene, wenn möglich bereits grob nach Sichtungskategorien geschätzt (SK1, SK2, SK3, Tote).
  • E — Emergency services: Welche Kräfte sind vor Ort, welche werden zusätzlich benötigt?

Das Schema lässt sich als Gedächtnisstütze in unter einer Minute abarbeiten — vorausgesetzt, der Einsatzleiter hat es geübt.

METHANE oder ETHANE? Die wichtige Unterscheidung

In der Praxis existieren zwei Varianten, die je nach Funktion des Meldenden angewendet werden:

  • METHANE: Wird von der Einsatzleitung übermittelt, die formell über das Vorliegen einer Großschadenslage entscheidet oder diese bestätigt. Das „M" steht für diese Entscheidung.
  • ETHANE: Wird von den ersteintreffenden Kräften übermittelt, die noch keine Entscheidungsbefugnis über die Einstufung haben. Hier entfällt das „M".

In Deutschland wird häufig ETHANE als Erstmeldung des ersteintreffenden Rettungsmittels genutzt; die formelle Einstufung als Großschadenslage trifft dann die zuständige Führungskraft (OrgL, ELRD) auf Basis dieser Meldung und weiterer Erkenntnisse.

METHANE in der Praxis: Ein Beispiel

Ein Linienbus ist mit einem LKW auf der Bundesstraße kollidiert. Der ersteintreffende Notarzt übermittelt nach einer kurzen Erkundung folgende ETHANE-Meldung an die Leitstelle:

„Leitstelle von NEF 1-82-1 — ETHANE-Meldung:

Exact location: B12, Höhe Kilometer 47, Fahrtrichtung Passau, rechter Fahrstreifen.
Type: Verkehrsunfall Bus gegen LKW, Bus auf der Seite.
Hazards: Auslaufende Betriebsstoffe, Rauchentwicklung aus Motorraum LKW, Gegenverkehr nicht abgesperrt.
Access: Anfahrt über B12 Fahrtrichtung Passau frei, Gegenrichtung blockiert. Bereitstellungsraum Parkplatz Rasthof in 500 Meter.
Number: Etwa 25 Verletzte, davon circa 5 SK1, 10 SK2, 10 SK3. Anzahl unklar, mehrere eingeklemmte Personen.
Emergency services: Vor Ort 1 NEF, 1 RTW. Nachforderung: Stichwort MANV 25, Feuerwehr zur technischen Rettung, Polizei zur Absperrung, ELRD, Organisatorischer Leiter."

Diese Meldung enthält alle entscheidungsrelevanten Informationen, die die Leitstelle für die initiale Alarmierungslawine benötigt — in unter 45 Sekunden Sprechzeit.

METHANE im Vergleich zum deutschen 5-W-Schema

Viele Einsatzleiter in Deutschland sind mit dem klassischen 5-W-Schema (Wer, Wo, Was, Wie viele, Welche Ressourcen) oder mit dem vierteiligen Lagemeldungs-Schema der FwDV 100 vertraut. Beide Schemata haben ihre Berechtigung — METHANE ergänzt sie sinnvoll:

ElementMETHANE5-W-Schema
Einstufung GroßschadenslageExplizit (M)Nicht enthalten
OrtE — Exact locationWo
EreignisartT — TypeWas
GefahrenH — Hazards (eigenständig)Teil von „Was"
ZufahrtA — Access (eigenständig)Nicht enthalten
BetroffeneN — NumberWie viele
RessourcenE — Emergency servicesWelche Ressourcen

Der zentrale Mehrwert von METHANE liegt in den beiden Elementen Hazards und Access. Beide werden im 5-W-Schema oft implizit mitgedacht, gehen aber unter Stress verloren. Eine eigene Rubrik dafür erhöht die Vollständigkeit der Erstmeldung deutlich.

Typische Fehler bei der Erstmeldung

1. Zu frühe Meldung ohne Überblick

Die Versuchung, sofort nach dem Eintreffen zu funken, ist groß. Das Ergebnis sind dann unvollständige Meldungen, die zehn Minuten später revidiert werden müssen. Besser: 60 bis 90 Sekunden Erkundung vor der ersten METHANE-Meldung. Ein kurzer „Ankunftsruf" genügt, um der Leitstelle das Eintreffen zu bestätigen.

2. Gefahren vergessen

Gerade bei komplexen Lagen (CBRN, Explosion, Brand) gehen Gefahren in der Meldung unter, weil sich der Einsatzleiter auf die Patientenzahl konzentriert. Das H in METHANE ist eine bewusste Erinnerung: Ohne Gefahrenabwehr keine Patientenversorgung.

3. Fehlende Zufahrtsinformation

Die nachrückenden Einheiten brauchen eine sichere Zufahrt und einen Bereitstellungsraum. Wer die Zufahrt nicht festlegt, riskiert chaotische Anfahrten, Rückstaus und Gefährdung der eigenen Kräfte.

4. Grobe Patientenzahl statt Kategorisierung

„Circa 30 Verletzte" ist besser als gar keine Zahl, aber „circa 30 Verletzte, davon geschätzt 5 SK1 und 10 SK2" ermöglicht der Leitstelle eine qualitativ bessere Disposition. Eine frühe Schätzung nach Sichtungskategorien — auch wenn sie später revidiert wird — beschleunigt die Alarmierung passender Rettungsmittel.

Wiederholung und Aktualisierung

Die METHANE-Erstmeldung ist kein einmaliger Vorgang. Nach spätestens 15 Minuten sollte ein METHANE-Update erfolgen, in dem alle Elemente erneut bewertet werden. Sichtungsergebnisse werden präziser, Gefahren können sich verändern, weitere Kräfte treffen ein. Eine regelmäßige Aktualisierung alle 15 bis 30 Minuten hält die Leitstelle und benachbarte Führungsebenen auf dem aktuellen Stand.

METHANE und digitale Einsatzführung

Die Stärke des METHANE-Schemas liegt in seiner Struktur — und Struktur ist genau das, was digitale Einsatzführungswerkzeuge gut abbilden können. In einem digitalen Einsatztagebuch oder einer Einsatzführungssoftware lassen sich die sieben METHANE-Elemente als feste Eingabefelder hinterlegen. Die Einsatzleitung füllt diese Felder einmal aus und aktualisiert sie laufend; automatisch entsteht daraus:

  • eine lückenlose chronologische Dokumentation der Lageentwicklung
  • ein jederzeit abrufbares aktuelles Lagebild für alle Führungsebenen
  • eine strukturierte Grundlage für Einsatzprotokolle und Nachbereitung

Gerade im Zusammenspiel mit einer digitalen Lagekarte, auf der Einsatzabschnitte, Patientenablage und Behandlungsplatz verortet werden, entfaltet das METHANE-Schema seine volle Wirkung: Die Erstmeldung wird nicht nur übermittelt, sondern bleibt als strukturiertes Lagebild erhalten.

Fazit

METHANE ist kein Ersatz für die in Deutschland etablierten Meldeschemata, sondern eine wertvolle Ergänzung. Wer die sieben Elemente verinnerlicht, meldet Großschadenslagen vollständiger, schneller und nachvollziehbarer. Für Einsatzleiter im Rettungsdienst lohnt sich das Training des Schemas in MANV-Übungen ebenso wie die Integration in die eigene Führungsausbildung. Entscheidend ist am Ende nicht das Akronym selbst, sondern die Disziplin, unter Stress strukturiert zu denken und zu sprechen — und genau dabei hilft METHANE.

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