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Luftrettung koordinieren: RTH-Anforderung und Landeplatz als Einsatzleiter

Hannes Kugas21. April 20266 min

Bei schwer verletzten Patienten, langen Transportwegen oder unzugänglichen Einsatzstellen ist die Luftrettung oft die entscheidende Option. Für den Einsatzleiter im Rettungsdienst (ELRD beziehungsweise OrgL) bedeutet das: Er muss nicht nur die medizinische Indikation abwägen, sondern parallel einen geeigneten Landeplatz organisieren, Kräfte abstellen und die Übergabe strukturieren — häufig, während die Patientenversorgung noch läuft. Wer die Luftrettung koordinieren will, sollte die wichtigsten Entscheidungen vorab durchdacht haben.

Wann einen RTH anfordern?

Die Entscheidung für die Luftrettung fällt selten rein medizinisch. Drei Dimensionen spielen zusammen: der Zustand des Patienten, die Zeit bis zur passenden Zielklinik und die Erreichbarkeit der Einsatzstelle.

Medizinische Indikation

  • Polytrauma mit Bedarf an einem überregionalen Traumazentrum (Schockraum, Neurochirurgie, Herzchirurgie)
  • Schweres Schädel-Hirn-Trauma, Wirbelsäulentrauma, ausgedehnte Verbrennungen
  • STEMI oder schwerer Schlaganfall mit Bedarf an einem spezialisierten Zentrum
  • Kindernotfälle mit Indikation für einen Intensivtransport
  • Zeitkritische Zustände, bei denen ein bodengebundener Transport die Prognose verschlechtern würde

Taktische Gründe

  • Lange Anfahrtswege oder stark gestörter bodengebundener Verkehr (Stau, Baustelle, Sperrung)
  • Schwer zugängliche Einsatzstellen: Wald, Gebirge, Autobahn mit Rückstau, abgelegene Ortsteile
  • Notarztmangel in dünn besiedelten Gebieten — der RTH bringt den Notarzt an die Einsatzstelle
  • Bei MANV-Lagen: zusätzliche Transportkapazität und mehrere Notärzte parallel vor Ort

Als Faustregel gilt: Steht der Hubschrauber in der Zielklinik, bevor der Rettungswagen die Autobahn verlassen hat, war die Anforderung in aller Regel richtig. Gleichzeitig entscheidet die Crew nach eigenen Kriterien über Start und Anflug — Wetter, Tageslicht, Beladung und Technik haben Vorrang vor der Anforderung am Boden.

Primär- oder Sekundäreinsatz

Die deutsche Luftrettung unterscheidet zwei Einsatzarten:

  • Primäreinsatz: direkte Anfahrt an die Einsatzstelle, meist mit HEMS-Crew aus Pilot, Notarzt und TC-HEMS
  • Sekundäreinsatz: interhospitaler Transport zwischen Kliniken, typischerweise durch einen Intensivtransporthubschrauber (ITH) mit erweiterter Ausrüstung

Für den Einsatzleiter vor Ort ist in der Regel der Primäreinsatz relevant. Wichtig: Die Anforderung läuft immer über die Integrierte Leitstelle oder die zuständige Luftrettungsleitstelle — nie direkt an die Crew. Für die Leitstelle entscheidend sind Lage, Patientenzahl, Art der Verletzung und ein Vorschlag für den Landeplatz.

Den Landeplatz organisieren

Der Landeplatz ist das Nadelöhr der Luftrettung. Ein schlecht gewählter oder ungesicherter Platz kostet nicht nur Minuten, er kann den Anflug komplett verhindern.

Fläche und Untergrund

Die konkreten Maße richten sich nach Hubschraubermuster und Betreiberhandbuch und variieren entsprechend. Diese Grundsätze haben sich in der Praxis bewährt:

  • Deutlich größer als der Hubschrauber selbst — die Crew beurteilt im Anflug, ob die Fläche ausreicht
  • Ebener, fester Untergrund: Wiese, Asphalt, geschotterter Parkplatz; kein weicher Acker, kein tiefer Sand
  • Frei von losen Gegenständen: Absperrband, Folien, Mülltonnen, Patientendecken, Warnwesten
  • Kein nennenswertes Gefälle — steile Flächen lehnt die Crew regelmäßig ab

Hindernisse und Anflugrichtung

Hochspannungs- und Freileitungen sind die größte Gefahr — besonders einzelne Drähte, die aus der Luft schwer zu erkennen sind. Markieren Sie Hindernisse nach Möglichkeit mit Fahrzeugen und Blaulicht. Die Crew wählt die Anflugrichtung selbst, fliegt aber gerne gegen den Wind. Ein freier Sektor in Windrichtung erleichtert den Anflug erheblich. Weitere typische Hindernisse, an die vor Ort oft zu spät gedacht wird: Baukräne, Seilbahnen, einzelne hohe Bäume, Laternenmasten entlang von Straßen.

Absicherung und Einweisung

  • Absperrung weiträumig; Menschen, Fahrzeuge und Einsatzkräfte aus dem Rotorbereich fernhalten
  • Einweiser mit Warnweste und dauerhaftem Blickkontakt zur Crew — nie in den Rotorbereich winken
  • Annäherung an den Hubschrauber nur nach Handzeichen der Crew und immer von vorne im Sichtfeld des Piloten
  • Helmpflicht im Nahbereich, soweit der Betreiber das vorsieht; lose Ausrüstung sichern

Besonderheiten bei Nacht

Nicht alle Luftrettungsstandorte in Deutschland sind rund um die Uhr einsatzbereit. Viele RTH fliegen nur bei Tageslicht; andere Standorte verfügen über Nachtflugzulassung und fliegen unter Nutzung von Nachtsichtgeräten. Für den Einsatzleiter ist relevant:

  • Landeplatz großflächig mit Fahrzeugscheinwerfern indirekt ausleuchten — nie in die Anflugrichtung blenden
  • Keine Stroboskope, keine Leuchtdecken, keine aktiven Laser-Entfernungsmesser im Nahbereich
  • Auch einzelne Handlampen können die Nachtsichtgeräte der Crew empfindlich stören
  • Hindernisse im Dunkeln zusätzlich markieren — gerade dünne Drähte werden nachts schnell übersehen

Die Absprache mit der Crew über Funk sollte die Lichtverhältnisse und die gewählte Anflugrichtung explizit enthalten.

Kommunikation mit der Crew

Die Crew meldet sich im Anflug über den BOS-Funk, je nach Region und Musterhandbuch im Analogfunk oder direkt über den Digitalfunk. Für eine saubere Absprache helfen vier Punkte:

  • Position und Erkennungszeichen des Landeplatzes (Ortsangabe, Blaulicht, gegebenenfalls Signalrauch)
  • Hindernisse in der Umgebung (Leitungen, Bäume, Gebäude, Kräne)
  • Windrichtung und Bodenbeschaffenheit
  • Patientenzahl und Kurzstatus, damit die Crew die Übernahme vorbereiten kann

Ein strukturiertes Kurzbriefing im Anflug ist schneller als zehn Rückfragen nach der Landung.

Übergabe und Transport

Die Patientenübergabe an die Crew läuft wie jede andere strukturierte Übergabe — nach SBAR oder ATMIST, kurz und vollständig. Besonderheit: Die Crew hat wenig Zeit am Boden und muss Geräte, Zugänge, Medikation und Beatmungseinstellungen schnell mit eigenen Standards abgleichen.

  • Unterlagen bereithalten: Einsatzprotokoll, EKG-Ausdruck, Medikationsliste, bisherige Maßnahmen
  • Verlegungsziel möglichst schon mit der Leitstelle abgestimmt haben, bevor der Hubschrauber am Boden ist
  • Angehörige nicht in den Nahbereich lassen — Übergaben geraten sonst schnell emotional aus dem Takt

Häufige Fehler

  1. Zu späte Anforderung: Von der Alarmierung bis zum Abheben vergeht regelmäßig Zeit. Wer erst anfordert, wenn der Patient stabilisiert ist, verschenkt den Zeitvorteil
  2. Falsche Erwartungen: Der RTH ist nicht automatisch schneller als ein bodengebundener Transport mit Sonderrechten — im Nahbereich der Zielklinik häufig nicht
  3. Landeplatz zu klein gewählt: Eine enge Straße zwischen parkenden Autos ist kein Landeplatz, auch wenn sie als solcher gedacht war
  4. Einsatzkräfte im Rotorbereich: Der Downwash reißt loses Material weg — Helme, Decken, Absperrband
  5. Keine saubere Dokumentation: Anforderungszeit, Ankunft, Abflug und Übergabeinhalte gehören vollständig ins Einsatzprotokoll

Digitale Unterstützung für den Einsatzleiter

Die Koordination der Luftrettung ist ein Zeitthema. Gleichzeitig sind saubere Zeitstempel für die Nachbereitung — fachlich wie rechtlich — unverzichtbar. TactixEMS entlastet genau an diesen Stellen:

  • Die Anforderung wird als Ereignis im Einsatztagebuch automatisch mit Zeitstempel dokumentiert — ohne dass der Einsatzleiter parallel Funkgerät und Stift jonglieren muss
  • Im Karten-Modul lässt sich der geplante Landeplatz markieren und an Teilkräfte weitergeben, sodass der Einweiser sofort weiß, wo der Platz liegt
  • Die Kräfte-Übersicht zeigt, welche Einheit als Sicherung am Landeplatz gebunden ist und welche frei für weitere Aufgaben bleibt
  • Bei MANV-Lagen lassen sich Patienten mit Transportwunsch „Luftrettung“ farblich markieren, sodass bei Ankunft der Crew sofort klar ist, wer in Frage kommt
  • Offline-First: Gerade bei Einsätzen abseits der Mobilfunkversorgung bleibt die Dokumentation bestehen und synchronisiert sich nach Rückkehr ins Netz
  • Der PDF-Export des Einsatzprotokolls erfasst die Luftrettungs-Zeitpunkte mit und macht sie für die Nachbereitung und eventuelle rechtliche Überprüfung nachvollziehbar

Digitale Werkzeuge ersetzen die fliegerische Entscheidung der Crew nicht — aber sie reduzieren die Last auf dem Einsatzleiter genau dort, wo parallel mehrere Entscheidungen anstehen.

Fazit

Luftrettung koordinieren heißt: frühzeitig anfordern, den Landeplatz sorgfältig wählen, strukturiert kommunizieren und sauber dokumentieren. Den fliegerischen Teil übernimmt die Crew; alles davor und daneben bleibt Aufgabe des Einsatzleiters. Wer die Abläufe vor dem Einsatz durchdacht hat, spart im Ernstfall Minuten — und die können den Unterschied machen.

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