Lageerkundung als Einsatzleiter: Systematisch zum Lagebild
Die Lageerkundung ist die erste und wichtigste Aufgabe jedes Einsatzleiters am Schadensort. Ein präzises Lagebild entscheidet über die gesamte Einsatzstrategie — und damit über die Versorgungsqualität der Patienten. Trotzdem wird die Erkundung in der Praxis häufig unsystematisch durchgeführt.
Warum die Lageerkundung so entscheidend ist
Ohne strukturierte Erkundung fehlt die Grundlage für alle weiteren Entscheidungen: Nachforderungen, Einsatzabschnitte, Patientenverteilung. Der klassische Fehler: Der Einsatzleiter lässt sich sofort in die Patientenversorgung einbinden, statt zuerst das Gesamtbild zu erfassen.
Grundsatz: Erst führen, dann helfen. Die ersten 90 Sekunden am Schadensort gehören der Erkundung — nicht der Versorgung.
Die 5-W-Methode für die Lageerkundung
Eine bewährte Struktur für die erste Erkundung:
1. Was ist passiert?
- Art des Ereignisses (Verkehrsunfall, Brand, Gefahrgut, MANV)
- Schadensausmaß und -dynamik
- Besondere Gefahren (Strom, Gas, Einsturzgefahr)
2. Wie viele Betroffene?
- Geschätzte Patientenzahl
- Grobe Sichtungskategorien (gehfähig / nicht gehfähig / vital bedroht)
- Trend: Werden es mehr? (z.B. bei Rauchausbreitung)
3. Wo genau?
- Exakte Örtlichkeit und Zugangswege
- Aufstellflächen für Rettungsmittel
- Bereitstellungsraum
- Hubschrauberlandemöglichkeit
4. Welche Ressourcen sind da?
- Bereits eingetroffene Kräfte
- Verfügbare Ausstattung
- Ersthelfer vor Ort
5. Was wird gebraucht?
- Sofortige Nachforderungen
- Spezialressourcen (Notarzt, RTH, Feuerwehr, Polizei)
- Infrastruktur (Beleuchtung, Zelte, Versorgungsmaterial)
Erkundungsrundgang: So geht's richtig
Der Einsatzleiter sollte den Schadensort einmal komplett umrunden, bevor die erste Lagemeldung erfolgt. Das klingt simpel, wird aber unter Zeitdruck häufig übersprungen.
Praktische Tipps:
- Im Uhrzeigersinn umrunden (Standardisierung)
- Fotos machen (Dokumentation + spätere Nachbesprechung)
- Gefahrenbereiche markieren (Absperrung veranlassen)
- Mindestens einen Helfer mitnehmen (Vier-Augen-Prinzip)
Erste Lagemeldung an die Leitstelle
Nach der Erkundung folgt die strukturierte Lagemeldung. Das METHANE-Schema hat sich international bewährt:
| Buchstabe | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| M | Major Incident | „MANV bestätigt" |
| E | Exact Location | „B303, km 12,5 Richtung Bayreuth" |
| T | Type of Incident | „Frontalzusammenstoß PKW/Bus" |
| H | Hazards | „Auslaufende Betriebsstoffe" |
| A | Access | „Zufahrt über B303 aus Richtung Kulmbach" |
| N | Number of Casualties | „ca. 15 Verletzte, davon 3 eingeklemmt" |
| E | Emergency Services | „RTW 3, NEF 1, Feuerwehr angefordert" |
Digitale Lageerkundung mit TactixEMS
Moderne Einsatzführungssoftware kann die Lageerkundung erheblich beschleunigen:
- Digitale Lagekarte: Patientenpositionen, Einsatzabschnitte und Gefahrenbereiche auf einer Karte markieren
- Echtzeit-Lagebild: Alle Einsatzkräfte sehen denselben Stand — keine Informationsverluste bei Führungswechseln
- Automatische Lagemeldungen: Strukturierte Funk-Lagemeldungen direkt aus der App generieren
- Patientenübersicht: Sichtungsergebnisse sofort digital erfassen statt auf Papier
Mit TactixEMS haben Einsatzleiter alle Informationen auf einen Blick — vom ersten Erkundungsrundgang bis zur Einsatznachbereitung.
Häufige Fehler bei der Lageerkundung
- Tunnelblick: Nur den sichtbaren Bereich erkunden, Rückseite vergessen
- Zu schnell melden: Lagemeldung vor abgeschlossener Erkundung → unvollständige Nachforderung
- Keine Rückmeldung: Erkundung durchgeführt, aber nicht an die Leitstelle gemeldet
- Dynamik unterschätzen: Einmalige Erkundung reicht nicht — Lageänderungen erfordern Nacherkundungen
- Delegation vergessen: Der Einsatzleiter muss nicht alles selbst erkunden — Abschnittsleiter einsetzen!
Fazit
Eine systematische Lageerkundung ist kein Zeitverlust — sie ist Zeitgewinn. Wer in den ersten 90 Sekunden strukturiert erkundet, trifft danach bessere Entscheidungen, fordert gezielt nach und behält die Übersicht. Digitale Tools wie TactixEMS unterstützen dabei, das Lagebild schnell zu erfassen und mit allen Beteiligten zu teilen.
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