KI in der Leitstelle: Entscheidungsunterstützung ohne Autopilot
Künstliche Intelligenz wird im Rettungsdienst oft entweder überschätzt oder reflexartig abgelehnt. Beides hilft der Praxis nicht. Für Leitstellen, ELRD, OrgL und LNA ist die entscheidende Frage nicht: „Ersetzt KI künftig den Disponenten?“ Sondern: „Welche Informationen kann KI schneller sortieren, damit Menschen bessere Entscheidungen treffen?“
Gerade in Leitstellen und Lagezentren entsteht in kurzer Zeit eine enorme Informationsmenge: Notrufe, Funkmeldungen, Einsatzmittelstatus, Wetterdaten, Rückmeldungen von ersteintreffenden Kräften, Klinikressourcen, Fotos, Videos oder Sensordaten. In der Fläche kommt hinzu: Personalmangel, steigende Einsatzzahlen und immer komplexere Einsatzlagen. KI ist deshalb kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug gegen kognitive Überlastung.
Was KI in der Leitstelle realistisch leisten kann
Der wichtigste Nutzen liegt nicht in „automatischer Einsatzführung“, sondern in Entscheidungsunterstützung. KI-Systeme können große Datenmengen strukturieren, Muster erkennen und Hinweise sichtbar machen, die im Stress leicht untergehen. Das kann in mehreren Bereichen helfen:
- Notrufannahme: automatische Transkription, Zusammenfassung und Übersetzung von Notrufen.
- Ersteinschätzung: Hinweise auf kritische Stichworte, Atemprobleme, Bewusstlosigkeit oder Hinweise auf Reanimation.
- Lagebild: Zusammenführung von Leitstellen-, Sensor-, Wetter- und Rückmeldedaten in einer strukturierten Übersicht.
- Ressourcensteuerung: bessere Übersicht über verfügbare Rettungsmittel, Einsatzabschnitte und Transportziele.
- Dokumentation: automatische Zeitlinien, markierte Entscheidungszeitpunkte und nachvollziehbare Lagemeldungen.
Damit wird KI für den Rettungsdienst vor allem zu einem Filter: Sie soll nicht entscheiden, sondern die richtigen Informationen zur richtigen Zeit nach vorne holen.
Beispiel SPELL: KI für vernetzte Leitstellen und Lagezentren
Ein belastbares deutsches Beispiel ist SPELL, die „Semantische Plattform zur intelligenten Entscheidungs- und Einsatzunterstützung in Leitstellen und Lagezentren“. Das Projekt wurde im Juni 2021 gestartet und laut Projektseite am 30. September 2024 erfolgreich beendet. Ziel war es, Maßnahmen zur Gefahrenabwehr, Nothilfe und Versorgung schneller und situationsgerecht einleiten zu können.
Fraunhofer FOKUS beschreibt den Kern so: Eine semantische IT-Plattform soll Datenquellen für Leitstellen und Lagezentren datenschutzkonform und zugriffskontrolliert integrieren. Darauf aufbauend sollen intelligente Systeme Entscheidungs- und Einsatzunterstützung bereitstellen. Genau das ist für den Rettungsdienst relevant: Nicht noch ein isoliertes Dashboard, sondern ein vernetztes Lagebild, das unterschiedliche Quellen zusammenführt.
Für einen MANV bedeutet das praktisch: Die Leitstelle sieht nicht nur einzelne Einsatzmeldungen, sondern erkennt schneller, welche Lageabschnitte entstehen, welche Ressourcen fehlen und welche Informationen der Einsatzleitung noch nicht vorliegen. Für ELRD und OrgL ist das besonders wertvoll, wenn mehrere Abschnitte, Patientenablagen, Bereitstellungsräume und Transportziele parallel koordiniert werden müssen.
KI bei Herz-Kreislauf-Stillstand: Potenzial, aber kein Ersatz für Abfragekompetenz
Ein international gut untersuchtes Feld ist die KI-gestützte Erkennung von Herz-Kreislauf-Stillständen aus Notrufen. Ein systematischer Review zu Anwendungen von KI beim außerklinischen Herzstillstand beschreibt, dass KI und Machine-Learning-Ansätze helfen können, Hinweise auf einen Herzstillstand aus Notrufen früher zu erkennen. Besonders relevant sind akustische und sprachliche Muster: unklare Atmung, Agonalatmung, fehlende Reaktion oder widersprüchliche Angaben unter Stress.
Für die Praxis heißt das nicht: Die Software entscheidet „Reanimation ja/nein“. Es heißt: Der Disponent bekommt einen zusätzlichen Warnhinweis, wenn das System Muster erkennt, die zur Telefonreanimation passen könnten. Die eigentliche Entscheidung bleibt beim geschulten Menschen – inklusive strukturierter Abfrage, Gesprächsführung und Anleitung von Ersthelfern.
Gerade hier liegt der Nutzen: KI kann Aufmerksamkeit lenken. Sie kann aber nicht die Verantwortung übernehmen, nicht den Kontext vollständig verstehen und nicht die kommunikative Leistung ersetzen, eine panische Anruferin durch Herzdruckmassage zu führen.
Sprachbarrieren: Ein unterschätzter Hebel
Die vfdb hat bereits 2024 darauf hingewiesen, dass KI-Methoden Notrufe in unterschiedlichen Sprachen erfassen können. Für Rettungsleitstellen ist das ein sehr konkreter Anwendungsfall. Wer einen fremdsprachigen Notruf annimmt, verliert schnell wertvolle Sekunden: Was ist passiert? Wo genau? Wie viele Betroffene? Atmet die Person? Gibt es Gefahren?
Echtzeit-Übersetzung und automatische Transkription können diese Lücke verkleinern. Trotzdem braucht es klare Grenzen: Medizinische und taktische Entscheidungen dürfen nicht blind auf einer maschinellen Übersetzung beruhen. Bei kritischen Angaben – Adresse, Bewusstseinslage, Atmung, Gefahrenlage – muss die Leitstelle weiterhin aktiv rückfragen und verifizieren.
Was Einsatzleiter daraus lernen sollten
KI in der Leitstelle bleibt nicht in der Leitstelle. Wenn dort Informationen besser strukturiert werden, verändert das auch die Einsatzführung draußen. Einsatzleiter erhalten früher vollständigere Lagemeldungen, können Abschnitte schneller bilden und Entscheidungen besser dokumentieren. Gleichzeitig steigt die Erwartung, dass digitale Informationen auch im Einsatzraum verarbeitet werden können.
Für ELRD, OrgL und LNA entstehen dadurch neue Führungsfragen:
- Welche KI-Hinweise sind im Einsatzprotokoll dokumentationswürdig?
- Wer prüft, ob ein automatischer Hinweis plausibel ist?
- Wie werden KI-generierte Lageinformationen an Abschnittsleitungen weitergegeben?
- Was passiert, wenn KI, Funkrückmeldung und eigenes Lagebild widersprechen?
- Wie bleibt die Einsatzführung arbeitsfähig, wenn digitale Systeme ausfallen?
Die Antwort ist nicht „mehr Technik“, sondern bessere Führungsprozesse. KI-Hinweise müssen als Hinweise behandelt werden – nicht als Befehle. Ein guter Einsatzleiter fragt: Passt das zur Lage? Ist die Quelle belastbar? Welche Entscheidung leite ich daraus ab? Wer muss es wissen?
Recht, Datenschutz und Verantwortung
Der EU AI Act setzt seit 2024 einen verbindlichen Rahmen für KI-Systeme in Europa. Für sicherheitskritische Anwendungen sind Anforderungen wie Risikomanagement, Datenqualität, Protokollierung, Transparenz, Robustheit und menschliche Aufsicht zentrale Punkte. Für Leitstellen und Rettungsdienstträger bedeutet das: KI darf nicht als Black Box eingeführt werden.
Vor einer Einführung müssen mindestens fünf Fragen sauber beantwortet sein:
- Zweck: Welche konkrete Entscheidung soll unterstützt werden?
- Daten: Welche Einsatz-, Audio- oder Patientendaten werden verarbeitet?
- Aufsicht: Wer überprüft den KI-Hinweis?
- Dokumentation: Wie wird nachvollziehbar, warum eine Entscheidung getroffen wurde?
- Fallback: Wie läuft der Prozess ohne KI weiter?
Ohne diese Antworten wird KI zur organisatorischen Schwachstelle. Mit klaren Prozessen kann sie dagegen die Leitstelle entlasten und die Einsatzführung transparenter machen.
Fazit: Der Copilot braucht einen Piloten
KI kann im Rettungsdienst viel leisten: Notrufe strukturieren, Sprachbarrieren reduzieren, kritische Muster markieren, Lageinformationen bündeln und Dokumentation verbessern. Aber sie darf nicht zum Autopiloten werden. Rettungsdienst bleibt ein Hochrisikobereich, in dem Verantwortung, Erfahrung und Lagebeurteilung nicht delegiert werden können.
Für TactixEMS ist genau dieser Gedanke zentral: Digitale Einsatzführung muss Menschen im Einsatz stärker machen, nicht sie aus dem Prozess drängen. Eine moderne Einsatzleitsoftware Rettungsdienst sollte deshalb Informationen bündeln, Entscheidungen nachvollziehbar dokumentieren und Führungskräfte entlasten – ohne die Verantwortung zu verschleiern.
Wer KI in Leitstelle und Einsatzführung einführt, sollte nicht mit der Technologie beginnen, sondern mit dem Prozess: Welche Entscheidung ist kritisch? Welche Information fehlt heute? Und wie stellen wir sicher, dass der Mensch am Ende handlungsfähig bleibt?
Quellen
- Fraunhofer FOKUS: Projekt SPELL – Semantische Plattform zur intelligenten Entscheidungs- und Einsatzunterstützung in Leitstellen und beim Lagemanagement, Laufzeit 01.06.2021 bis 31.05.2024.
- spell-plattform.de: SPELL – KI in der vernetzten Leitstelle der Zukunft, Projektstart Juni 2021, Abschluss 30.09.2024.
- PMC / Systematic Review: Applications of Artificial Intelligence in Out-of-Hospital Cardiac Arrest.
- Feuerwehr-Magazin / vfdb, 07.02.2024: Mehr Einsatz von KI in Leitstellen.
- EU Artificial Intelligence Act, 2024: Anforderungen an Hochrisiko-KI, Transparenz, Protokollierung und menschliche Aufsicht.
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