Führungsstruktur bei MANV: Die Stabsfunktionen S1 bis S6
Bei einem Massenanfall von Verletzten (MANV) reicht ein einzelner Einsatzleiter schnell nicht mehr aus. Sobald die Lage unübersichtlich wird, braucht es eine strukturierte Führungsorganisation — den Führungsstab. Die Stabsfunktionen S1 bis S6 sind das Rückgrat dieser Struktur.
Warum braucht man einen Führungsstab?
Ein MANV ab Stufe 2 (50+ Patienten) überfordert jede Einzelperson. Die kognitive Last — Patienten sichten, Ressourcen koordinieren, mit der Leitstelle kommunizieren, Krankenhäuser zuweisen — ist schlicht zu hoch. Der Führungsstab verteilt diese Last auf spezialisierte Funktionen.
Das Prinzip: Jede Stabsfunktion hat einen klar definierten Verantwortungsbereich. Der Einsatzleiter führt, der Stab unterstützt.
Die Stabsfunktionen im Überblick
S1 — Personal / Innerer Dienst
Aufgaben:
- Personalübersicht: Wer ist vor Ort? Welche Qualifikationen?
- Ablösung und Verpflegung bei langen Einsätzen
- Registrierung ankommender Kräfte
- Dokumentation der Personalstärke
In der Praxis: S1 ist bei kürzeren Einsätzen oft nicht separat besetzt. Die Funktion wird dann vom Einsatzleiter oder der Leitstelle übernommen.
S2 — Lage
Aufgaben:
- Lagefeststellung und -darstellung
- Führen des Einsatztagebuchs
- Sammeln und Auswerten von Informationen
- Erstellung von Lageberichten
In der Praxis: Eine der wichtigsten Funktionen. Wer die Lage nicht kennt, kann nicht führen. S2 hält die Lagekarte aktuell und sorgt dafür, dass alle Führungskräfte das gleiche Bild haben.
S3 — Einsatz
Aufgaben:
- Einsatzplanung und -durchführung
- Bildung von Einsatzabschnitten
- Zuweisung von Kräften zu Abschnitten
- Koordination der operativen Maßnahmen
In der Praxis: S3 ist das Herzstück. Hier werden die taktischen Entscheidungen vorbereitet: Wo werden Behandlungsplätze eingerichtet? Welche Abschnitte brauchen Verstärkung? Wie wird der Patientenfluss gesteuert?
S4 — Versorgung / Logistik
Aufgaben:
- Nachschub an Verbrauchsmaterial
- Fahrzeugmanagement und Bereitstellungsräume
- Technische Unterstützung
- Betriebsstoffe und Verpflegung
In der Praxis: Oft unterschätzt. Ein MANV verschlingt Material — Infusionen, Tragen, Decken. S4 sorgt dafür, dass der Nachschub nicht abreißt.
S5 — Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Aufgaben:
- Pressebetreuung vor Ort
- Abstimmung mit der Pressestelle
- Formulierung von Pressemitteilungen
- Betreuung von Social Media (zunehmend relevant)
In der Praxis: Bei einem MANV stehen schnell Kamerateams vor Ort. Ohne S5 laufen Journalisten unkontrolliert durch die Einsatzstelle. S5 schafft einen Pressebereich und gibt kontrolliert Informationen heraus.
S6 — Kommunikation / IuK
Aufgaben:
- Sicherstellung der Funkverbindungen
- Einrichten von Funkkanälen je Abschnitt
- Betrieb von Kommunikationsmitteln (Funk, Telefon, Digital)
- Dokumentation des Funkverkehrs
In der Praxis: Gerade bei MANV mit vielen Abschnitten wird Funk schnell zum Flaschenhals. S6 sorgt für getrennte Kanäle, damit sich die Abschnitte nicht gegenseitig blockieren.
Besetzung in der Realität
In der Theorie sind alle sechs Funktionen besetzt. In der Praxis sieht es oft anders aus:
| MANV-Stufe | Typische Besetzung |
|---|---|
| MANV 1 (regional unterschiedlich definiert, meist bis ca. 10 Patienten) | Einsatzleiter + LNA/OrgL, kein formeller Stab |
| MANV 2 (meist bis ca. 25 Patienten) | S2, S3, S4 besetzt, S1/S5/S6 nach Verfügbarkeit |
| MANV 3/4 (500+) | Voller Stab, ggf. mit Unterstützungsstab |
Wichtig: Die Funktionen müssen nicht von einer einzelnen Person ausgefüllt werden. Manchmal übernimmt eine Person zwei Funktionen, manchmal wächst der Stab mit der Lage.
Digitale Unterstützung der Stabsarbeit
Traditionell arbeitet ein Führungsstab mit Papier, Magnettafeln und Funkprotokollen. Das funktioniert — ist aber fehleranfällig und langsam.
Moderne Einsatzführungstools können die Stabsarbeit erheblich beschleunigen:
- S2 (Lage): Digitale Lagekarte mit Echtzeit-Positionen statt Papierkarte
- S3 (Einsatz): Übersicht über Einsatzabschnitte und Kräftezuweisung auf einen Blick
- S4 (Logistik): Fahrzeugübersicht mit Status (verfügbar, im Einsatz, außer Dienst)
- S6 (Kommunikation): Digitale Lagemeldungen als Ergänzung zum Funkverkehr
Die Kunst liegt darin, digitale Tools so einzusetzen, dass sie die Stabsarbeit unterstützen, nicht verkomplizieren. Ein Tool, das während des Einsatzes erst erklärt werden muss, ist kontraproduktiv.
Fazit
Die Stabsfunktionen S1 bis S6 sind kein theoretisches Konstrukt — sie sind das Werkzeug, mit dem komplexe Lagen beherrschbar werden. Je besser ein Rettungsdienst die Stabsarbeit trainiert, desto souveräner wird die Führung im Ernstfall.
Wer die Stabsarbeit digital unterstützen will, sollte auf Tools setzen, die im Alltag genauso funktionieren wie im Großschadensereignis — intuitiv, offline-fähig und auf die Bedürfnisse von Einsatzleitern zugeschnitten.
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