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BOS-Breitband im Rettungsdienst: Was Einsatzführung jetzt vorbereiten muss

TactixEMS Team19. Juni 20268 min Lesezeit

Der Digitalfunk BOS ist im Rettungsdienst gesetzt: robust, taktisch etabliert und für Sprache weiterhin das Rückgrat vieler Einsatzlagen. Gleichzeitig verschiebt sich der Informationsbedarf im Einsatz. Eine Lagemeldung besteht nicht mehr nur aus Sprache und Kurzdaten. Einsatzführung arbeitet zunehmend mit Lagekarten, Fotos, Live-Video, Patientenzahlen, Transportzielen, Vitaldaten, Drohnenbildern und digitalen Einsatztagebüchern. Genau dafür reicht klassische Schmalbandkommunikation nicht aus.

Die BDBOS beschreibt deshalb den Weg zu einem eigenen breitbandigen BOS-Digitalfunknetz. Für Rettungsdienst, ELRD, OrgL und LNA ist das kein abstraktes Infrastrukturprojekt. Es ist ein Hinweis darauf, wie sich Einsatzführung in den nächsten Jahren verändern wird: weg vom einzelnen Funkkanal als alleiniger Informationsachse, hin zu einer vernetzten Führungsumgebung mit Sprache, Daten und Lagebild.

Was BOS-Breitband konkret meint

Die BDBOS nennt als mögliche Anwendungen unter anderem Messenger-Dienste, Lage- und Fahndungsinformationen, Datenbankabfragen, Vitaldaten und Live-Video. Für Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste sollen große Datenmengen mit geringer Verzögerung, teilweise in Echtzeit, übertragen werden können. Entscheidend ist dabei die Abgrenzung zum heutigen TETRA-basierten Digitalfunk: TETRA nutzt das verfügbare Frequenzspektrum für Sprache und Kurzdaten, Breitbanddatenübertragung ist damit laut BDBOS technisch nicht machbar.

Einige Länder nutzen als Übergang kommerzielle Mobilfunknetze. Die BDBOS bewertet diese für einsatzkritische Kommunikation jedoch als weder ausreichend sicher noch hochverfügbar. Deshalb plant sie gemeinsam mit Bund und Ländern ein eigenes breitbandiges BOS-Digitalfunknetz. Für die Praxis heißt das: Mobilfunk kann heute ein nützlicher Zusatzweg sein, darf aber nicht mit einer belastbaren BOS-Breitband-Infrastruktur verwechselt werden.

Der Vier-Phasen-Weg der BDBOS

Der geplante Aufbau erfolgt in vier Schritten. In Phase 0 sollen Einsatzkräfte Roaming und zusätzliche Funktionalitäten über kommerzielle Mobilfunknetze nutzen können; bestehende Einzelverträge sollen vereinheitlicht werden. In Phase 1 beginnt der eigentliche Aufbau mit einem selbstbetriebenen, eigenbeherrschten breitbandigen Kernnetz. Funk- und Zugangsnetze kommerzieller Anbieter werden in dieser Phase noch weiter genutzt.

In Phase 2 soll schrittweise ein eigenbeherrschtes Funk- und Zugangsnetz deutschlandweit entstehen. In Phase 3 kann die Mitnutzung kommerzieller Netze reduziert und der Sprachdienst migriert werden. Dann würden Sprach- und Datenkommunikation im Digitalfunk BOS über das eigene Breitbandnetz laufen; die heutige TETRA-Systemtechnik würde nach und nach abgeschaltet. Den Start dieses Zielbildes nennt die BDBOS derzeit für Anfang der 2030er Jahre. Eine zentrale Voraussetzung bleibt ausreichendes nutzbares Frequenzspektrum.

KoPa_45: Warum 2026 ein wichtiger Lernzeitraum ist

Aktuell entsteht nicht nur Papier, sondern praktische Erprobung. Das BDBOS-Förderprogramm KoPa_45 ist Mitte 2023 gestartet und endet im Herbst 2026. Es fördert 26 Projekte mit über 50 Partnern, die an innovativen Lösungen für einsatzkritische Breitbandnetze arbeiten. Dafür wurde eine Breitband-Entwicklungsumgebung mit stationärem und mobilem hybridem LTE-/5G-Campusnetz bereitgestellt.

Die geförderten Projekte entwickeln Bausteine für den künftigen Digitalfunk BOS mit einsatzkritischen Breitbandanwendungen und -diensten, also Mission Critical Broadband beziehungsweise MCx. Dazu gehören 5G-basierte Prototypen, Edge- und Cloud-Konzepte, neue Ansätze für Sicherheit und Verfügbarkeit sowie organisationsübergreifende Zusammenarbeit.

Was davon für Rettungsdienst-Einsatzführung relevant ist

Für den Rettungsdienst sind vor allem drei Felder spannend. Erstens: Lageerkundung. In der KoPa_45-Säule „Applikationen“ werden unter anderem automatisierte Drohneneinsätze aus der Leitstelle und drohnengestützte 3D-Lagebilder untersucht. Für einen MANV, einen Gefahrguteinsatz oder eine unübersichtliche Verkehrslage kann das bedeuten: Die Einsatzführung bekommt früher ein Bild von Zufahrten, Patientenclustern, Gefahrenbereichen und Bereitstellungsräumen.

Zweitens: Leitstellenanbindung. In der Säule „Endgeräte und Leitstellen“ geht es um die Einbindung alter und neuer Endgeräte in die Kommunikationsinfrastruktur. Genannt werden unter anderem Augmented-Reality-Remote-Unterstützung, Videostreaming und hybride MCx-/TETRA-Kommunikation für Leitstellen. Für ELRD und OrgL ist das wichtig, weil die Leitstelle künftig nicht nur Funkpartner, sondern stärker eingebundener Datenknoten werden kann.

Drittens: lokale Resilienz. In der Säule „Direktkommunikation“ wird breitbandige Kommunikation von Endgerät zu Endgerät betrachtet. Projekte wie RooiBOS untersuchen lokale 5G-Kommunikationsplattformen mit Edge-Computing, damit Dienste auch dann funktionieren können, wenn keine Verbindung zum Internet oder zu entfernten Leitstellen besteht. Das ist für den Rettungsdienst besonders relevant: Ein digitales Lagebild hilft nur, wenn es am Einsatzort auch unter schlechten Netzbedingungen weiter nutzbar bleibt.

Die taktische Konsequenz: Daten brauchen Führung

Mehr Bandbreite löst keine Führungsprobleme automatisch. Im Gegenteil: Wenn Livebilder, Drohnendaten, Patientendaten, Klinikstatus und Kräfteübersichten unstrukturiert zusammenlaufen, entsteht schnell ein digitales Rauschen. Einsatzführung muss deshalb festlegen, welche Information wann, von wem und in welcher Qualität benötigt wird.

Praktisch bedeutet das: Der erste Lageüberblick braucht andere Daten als die Transportorganisation am Behandlungsplatz. Die Abschnittsleitung Patientenablage braucht andere Ansichten als die Leitstelle. Der LNA benötigt medizinische Prioritäten, der OrgL vor allem Ressourcen, Räume und Transportlogik. BOS-Breitband macht es technisch möglich, diese Informationen schneller zu bewegen. Die Führungsorganisation muss aber entscheiden, welche Informationen entscheidungsrelevant sind.

Was ELRD, OrgL und LNA heute vorbereiten sollten

  • Datenflüsse skizzieren: Welche Informationen entstehen bei Sichtung, Patientenablage, Behandlungsplatz, Transport und Klinikzuweisung?
  • Rollen klären: Wer darf Daten erfassen, korrigieren, freigeben und an Leitstelle oder Klinik weitergeben?
  • Offline-Fähigkeit einplanen: Breitband ist ein Zielbild, aber Einsatzstellen bleiben störanfällig. Papierfallback, lokale Synchronisation und klare Übergabepunkte bleiben nötig.
  • Informationsdisziplin trainieren: Nicht jedes Foto, jedes Video und jeder Statuswechsel gehört sofort in die Führungsentscheidung.
  • Schnittstellen denken: Einsatzleitsoftware, Leitstelle, Klinikvoranmeldung, Patiententracking und Einsatztagebuch müssen perspektivisch zusammenarbeiten.

Fazit: BOS-Breitband ist Infrastruktur – Einsatzführung macht daraus Nutzen

BOS-Breitband, MCx und 5G-Campusnetze werden den Rettungsdienst nicht über Nacht verändern. Aber sie zeigen klar, wohin die Reise geht: Einsatzführung wird datenreicher, vernetzter und stärker abhängig von strukturierten digitalen Prozessen. Wer erst wartet, bis die Infrastruktur vollständig ausgerollt ist, verliert wertvolle Vorbereitungszeit.

Eine moderne Einsatzleitsoftware für den Rettungsdienst sollte deshalb nicht nur schöne Karten anzeigen, sondern robuste Prozesse abbilden: Kräfteübersicht, Patientenstatus, Abschnittsstruktur, Einsatztagebuch, Offline-Fähigkeit und klare Rollen. Genau dort liegt der operative Wert von TactixEMS: digitale Einsatzführung so zu gestalten, dass sie ELRD, OrgL und LNA im Stress entlastet – nicht zusätzlich beschäftigt.

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