Vorsichtung und Triage im Rettungsdienst: Algorithmen, Praxis und digitale Unterstützung
Bei einem Massenanfall von Verletzten (MANV) prägt die Vorsichtung die gesamte weitere Versorgung. In wenigen Minuten müssen Einsatzkräfte Dutzende oder Hunderte Patienten nach Behandlungsdringlichkeit kategorisieren — oft unter extremem Zeitdruck und mit begrenzten Ressourcen. Wie funktioniert die Vorsichtung in der Praxis, welche Algorithmen gibt es, und wie können digitale Tools den Prozess unterstützen?
Was ist Vorsichtung?
Die Vorsichtung ist die systematische Erstbeurteilung von Patienten bei einem Großschadensereignis. Ziel ist es, knappe Ressourcen so einzusetzen, dass möglichst viele Betroffene versorgt werden können. Dabei gilt: Nicht jede Detaildiagnose steht am Anfang im Vordergrund, sondern eine schnelle und nachvollziehbare Priorisierung.
Die Vorsichtung erfolgt typischerweise durch den ersteintreffenden Notarzt oder durch entsprechend geschulte Rettungsdienstkräfte und dauert pro Patient nur sehr kurz.
Sichtungskategorien und Vorsichtung
Das BBK unterscheidet im Sichtungskonsens die Kategorien Rot, Gelb, Grün und Blau sowie die Kennzeichnung für Verstorbene. In der reinen Vorsichtung arbeiten viele präklinische Algorithmen zunächst nur mit Rot, Gelb und Grün; weiterführende medizinische Bewertungen folgen anschließend nach regionalem Konzept.
SK I — Rot (Akute vitale Bedrohung)
Sofortige Behandlung erforderlich. Beispiele: starke Blutungen, Atemwegsverlegung, Spannungspneumothorax. Diese Patienten haben die höchste Transportpriorität.
SK II — Gelb (Schwer verletzt, aber stabil)
Behandlung kann kurzzeitig aufgeschoben werden. Beispiele: geschlossene Frakturen, Verbrennungen mittleren Grades, stabile Beckenfrakturen. Überwachung nötig, da Verschlechterung möglich.
SK III — Grün (Leicht verletzt, gehfähig)
Kann mit minimaler Versorgung warten. Beispiele: Prellungen, Schürfwunden, leichte Verbrennungen. Diese Patienten werden oft in einem Leichtverletzten-Sammelplatz betreut.
SK IV — Blau
Patienten ohne realistische Überlebenschance unter den aktuellen Bedingungen. Die konkrete Zuordnung und das weitere Vorgehen folgen dem örtlichen Sichtungs- und Behandlungskonzept.
EX / Schwarz
Kennzeichnung für Verstorbene. Diese Kennzeichnung wird in vielen Darstellungen getrennt von der eigentlichen Sichtungskategorie geführt.
Vorsichtungs-Algorithmen
mSTaRT (modified Simple Triage and Rapid Treatment)
Ein in Deutschland weit verbreiteter, bewusst schlanker Algorithmus. Die genaue Umsetzung folgt immer dem lokal trainierten Konzept:
- Gehfähig? → Ja: SK III (Grün)
- Spontanatmung? → Nein, auch nach Freimachen der Atemwege: weiterer Umgang nach lokalem Sichtungsschema. Ja: weiter
- Atemfrequenz >30? → Ja: SK I (Rot)
- Periphere Rekapillarisierungszeit >2s ODER Radialispuls nicht tastbar? → Ja: SK I (Rot). Nein: SK II (Gelb)
Der mSTaRT-Algorithmus ist bewusst einfach gehalten, damit auch unter Stress zuverlässige Ergebnisse erzielt werden.
PRIOR und regionale Varianten
Neben mSTaRT kommen regional auch andere oder weiterentwickelte Sichtungsschemata zum Einsatz. Entscheidend ist weniger der Name des Algorithmus als ein einheitlich trainiertes Vorgehen innerhalb der Organisation.
Sichtungskennzeichnung
Die Ergebnisse werden mit farbigen Anhängekarten (Triage-Tags) oder Bändern dokumentiert:
- Jeder Patient erhält eine Nummer
- Sichtungskategorie wird farblich markiert
- Uhrzeit und Sichter werden notiert
- Lebenswichtige Sofortmaßnahmen werden dokumentiert
Herausforderungen in der Praxis
Zeitdruck
Schon bei einer zweistelligen Zahl von Betroffenen zeigt sich, wie schnell ein einzelner Sichter an Grenzen kommt. Parallelisierung und klare Abschnittsbildung sind deshalb zentral.
Über- und Untertriage
Studien zeigen, dass unter Stress die Tendenz zur Übertriage besteht: Patienten werden in eine höhere Kategorie eingestuft als nötig. Das bindet wertvolle Ressourcen. Regelmäßiges Training reduziert diesen Effekt.
Dokumentation
Papierbasierte Triage-Tags können verloren gehen, sind schlecht lesbar oder werden nicht konsequent ausgefüllt. Die Weiterleitung der Sichtungsergebnisse an den Behandlungsplatz erfolgt oft lückenhaft.
Re-Triage
Der Zustand von Patienten kann sich ändern. Eine regelmäßige Nachsichtung ist notwendig, wird aber bei hoher Patientenzahl oft vernachlässigt.
Digitale Vorsichtung: Schneller, genauer, nachvollziehbar
Digitale Einsatzführungstools adressieren viele dieser Herausforderungen:
- Geführter Algorithmus: Der mSTaRT-Algorithmus wird Schritt für Schritt am Bildschirm durchlaufen — weniger Fehler unter Stress
- Echtzeit-Übersicht: Die Einsatzleitung sieht sofort, wie viele Patienten in welcher Kategorie gesichtet wurden
- Automatische Dokumentation: Sichtungszeitpunkt, Sichter und Ergebnis werden automatisch erfasst
- Re-Triage-Erinnerung: Das System erinnert an fällige Nachsichtungen
- Patientenverfolgung: Vom Schadensort über den Behandlungsplatz bis zum Krankenhaus — lückenlose Nachverfolgung
Mit einer digitalen Lösung wird die Vorsichtung nicht nur schneller, sondern auch nachvollziehbarer. Jede Sichtungsentscheidung ist dokumentiert und kann für Qualitätssicherung und Nachbereitung ausgewertet werden.
Fazit
Die Vorsichtung ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben im Rettungsdienst — medizinisch, organisatorisch und ethisch. Strukturierte Algorithmen wie mSTaRT bieten Sicherheit unter Stress, doch die wahre Herausforderung liegt in Dokumentation, Kommunikation und Nachverfolgung. Digitale Tools können hier den entscheidenden Unterschied machen: weniger Informationsverlust, schnellere Entscheidungen und eine lückenlose Patientenverfolgung vom Schadensort bis zur Klinik.
Digitale Einsatzführung mit TactixEMS
Testen Sie TactixEMS 30 Tage kostenlos. MANV-Protokollierung, Patientensichtung und Kräfteübersicht — entwickelt von Einsatzleitern für Einsatzleiter.
Kostenlos testen